Zwischen Opfer und Individualismus: Sein Gleichgewicht finden

Die Gesellschaft hat sich niemals so sehr um das Schicksal ihrer Kinder gekümmert, wie heute… Während Kinder lange Zeit nicht nach ihrer Meinung gefragt wurden, sind Sie zum Ende des 20. Jahrhunderts voll und ganz in den Mittelpunkt gerückt.

Eltern: ein Beruf im Wandel

Früher war es eine völlig normale Sache, Kinder großzuziehen, denn es ging um das Überleben der menschlichen Gattung. Die Eltern hat die völlige Gewalt über ihre Kinder und die Gesellschaft kümmerte sich nur wenig um das, was sich hinter verschlossenen Türen abspielte. Zwei Ereignisse haben alles verändert.

  • Die internationale Kinderrechtskonvention aus dem Jahr 1989 stellt Kinder weltweit in den Mittelpunkt. Kindern müssen seither die Fürsorge erhalten, die sie brauchen, die beste Erziehung, damit sie sich entfalten können und zu aktiven Bürgern werden. Verantwortlich hierfür sind die Eltern. Wenn sie dieser Verpflichtung nicht oder nur unzureichend nachkommen, muss die Gesellschaft die Kinder schützen. Im schlimmsten Fall wird den Eltern das Sorgerecht entzogen und die Kinder werden einer Pflegefamilie oder einem Heim überantwortet.
  • Erkenntnisse der Psychologie bestätigen diese neue Denkweise: Kinder, denen die Zuneigung ihrer Eltern fehlt, entwickeln sich schlecht und beschließen manchmal sogar, lieber zu sterben. Negative Auswirkungen strenger Bestrafungen auf die psychische Gesundheit der Kinder sind inzwischen belegt. Und nach und nach entschließen sich manche Länder in Europa, jede körperliche Züchtigung, insbesondere die Prügelstrafe zu verbieten. Diese wird der Misshandlung gleichgesetzt. Zum ersten Mal in der Geschichte wird die Rolle der Eltern und der „positiven“ Erziehung (also ohne Strafen) für die Entwicklung der Kinder gemessen.

Die Rolle der Eltern ist heute in gewissem Sinne eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Elternschaft bedeutet die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass die Kinder glücklich (und wenn möglich gebildet) sind. Es bedeutet auch die Verpflichtung, Kinder als Rechtssubjekte zu betrachten (die sogar gerichtlich gegen ihre Eltern klagen können). Elternschaft bedeutet manchmal Rechenschaft in der Schule und gegenüber dem Zentrum der DG für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (KALEIDO) ablegen zu müssen, um nachzuweisen, dass man seinen elterlichen Pflichten nachgekommen ist. Wenn die Kinder Schwierigkeiten haben, müssen die Eltern beweisen, dass sie nicht im Fehler sind, dass sie alle Mittel ausgeschöpft haben, um die Probleme zu verhindern oder zumindest wissentlich nichts unternommen haben, was zum Auftreten dieser Probleme beigetragen hat.

papa lecture

Wenn die Eltern zum Spagat gezwungen sind

Die Eltern müssen ihre Aufgaben auch in einem gesellschaftlichen Umfeld wahrnehmen, wo die Werte sich in Richtung Individualismus und persönliche Entfaltung entwickeln:

  • Eigenständigkeit und Unabhängigkeit nehmen einen immer höheren Stellenwert ein: Alle Hemmnisse sollen aus dem Weg geräumt werden, völlig entsprechend den persönlichen Bedürfnissen und Wünschen.
  • Ganz oben auf der Werteskala steht die Freiheit, selbst bei den Eltern: Jeder muss seinen Weg und eine Richtung für sein Leben finden, sobald dieses Bedürfnis auftaucht.
  • Die persönliche Entwicklung und die Suche nach Ausgleich gelten heute als echtes Bedürfnis: Sport, Lesen, Meditieren, Reisen, Entspannung…

Sind diese Werte so einfach mit den Aufgaben als Eltern zu vereinbaren?

Demgegenüber bedeutet die Elternschaft eine Kette von Entsagungen und persönlichen Opfern. Häufig haben die Bedürfnisse des Kindes faktisch Vorrang vor denen der Eltern. So kann man unmöglich ein hungerndes Kind um Geduld bitten, selbst wenn man als Mutter oder Vater eine Stunde Ruhe bräuchte. Man kann auch nicht nach Lust und Laune mit Freunden ausgehen, denn Kinder zwingen ihren Eltern auch einen besonders einschränkenden Schlafrhythmus auf. Eltern können ihr Geld auch nicht für Wellness, Kino, gutes Essen und Urlaub ausgeben, wie sie wollen, wenn sie die Bedürfnisse ihres Kindes dadurch hintanstellen.

Viele Eltern befinden sich in einer Art Schraubzwinge zwischen der Erwartungshaltung der Gesellschaft hinsichtlich ihrer Aufgaben und dem Wunsch nach persönlicher Entfaltung: Sie müssen auf der einen Seite alles tun, damit ihre Kinder sich entfalten, und auf der anderen Seite ihre eigenen Bedürfnisse erfüllen.

Den Ausgleich finden und wahren

In diesem widersprüchlichen Rahmen sind die Eltern ständig auf der Suche nach einem Ausgleich zwischen ihrem Leben als Eltern und ihren persönlichen oder beruflichen Bedürfnissen. Wie soll man sich um seine Kinder kümmern und gleichzeitig noch Zeit für sich finden, ohne seine Karriere zu opfern? Jedes Ereignis, jede Entscheidung kann dann durchaus zum Problem werden. Als Eltern stellen Sie sich tausend Fragen, immer in der Sorge, die falsche Entscheidung zu treffen, entweder Ihre Kinder zu vernachlässigen („aus Egoismus, welche Schande!“) oder aber indem Sie sich selbst vernachlässigen („aus Selbstaufgabe, welch ein Mangel an Persönlichkeit!“). Manche Eltern schwanken zwischen Gedanken wie „ich hätte niemals Kinder in die Welt setzen sollen, das ist nichts für mich“ und „ohne meine Kinder bin ich nichts mehr“ hin und her.

Den goldenen Mittelweg zu finden, ist also nicht einfach. Aber dieser Ausgleich ist unbedingt erforderlich, damit man nicht in die Fahrlässigkeit gegenüber seinen Kindern abgleitet oder als Eltern völlig erschöpft im Burnout landet (Buchtipp: Eltern-Burnout: Wege aus dem Familienstress von Bettina Mähler  und Peter Musall).

Wie lässt sich dieser Ausgleich herstellen?

  • Sie sollten sich bewusst bleiben, dass der richtige Ausgleich zwischen Familienleben, Privatleben und Berufsleben eine ganz persönliche Sache ist. Wenn Ihre Nachbarin oder Ihr Partner mit einer sehr starken beruflichen Beanspruchung zum Nachteil seines Familienlebens zufrieden ist, muss das nicht unbedingt auf Sie selbst zutreffen. Urteilen Sie auch nicht über andere, sondern konzentrieren Sie Ihre Energie lieber auf die Suche nach dem eigenen Ausgleich.
  • Halten Sie sich vor Augen, dass wir in einer Wettbewerbsgesellschaft leben, in der wir es gewohnt sind, uns an anderen zu messen, indem wir berufliche, private und familiäre Erfolge gegeneinander abwiegen. Aber Konkurrenz ist kein guter Partner, wenn es um die Elternrolle geht. Im Gegensatz zum Sport gibt es keine Einstufung, kein Siegertreppchen für die Ausübung des Elternberufs. Jeder muss für sich selbst eine möglichst gute Mutter und ein guter Vater sein, in seinem Umfeld und mit seinen eigenen Kindern.
  • Nehmen Sie etwas Abstand vom gesellschaftlichen Umfeld und stellen Sie sich die Frage, was für Sie, für Ihren Partner, für Ihre Kinder wichtig ist.
  • Genießen Sie die wertvollen Augenblicke echten Familienlebens: Das sind Augenblicke, die allen guttun. Dann brauchen Sie auch nicht zwischen Ihren eigenen Bedürfnissen und denen der Kinder zu wählen. So ist zum Beispiel ein gemeinsamer Waldspaziergang eine solche wertvolle Zeit, weil die Eltern in der Natur auftanken können und die Kinder herumtollen und sich wie Abenteurer fühlen können. Wenn Sie sich allerdings zwingen müssen, Ihre Kinder zu begleiten (nur um ihnen eine Freude zu machen), oder wenn Ihre Kinder „Abenteuer in freier Natur“ nicht mögen (und es nur tun, weil Sie sie dazu zwingen), ist es keine wertvolle Zeit. Sie entscheiden selbst, was für Sie eine wertvolle Zeit ist … und wie Sie diese in vollen Zügen genießen!